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Fotografie

Eine ganz normale, gelbweiße Foto-Kiste. Darin eine fremde Welt: Felsen, die gen Himmel ragen wie im Mittleren Atlas Marokkos. Schrundige Abbrüche, pittoresk verschattet wie der Grand Canyon im Abendsonnenschein. Vom Sand fast verwehte Reifenspuren wie Überbleibsel einer Wüsten-Expedition. Ausgetrocknete Pfützen, deren Böden von der siedenden Sonne der Sierra Madre zu einer Skulptur brechender Krusten aufgeworfen scheinen. Dürres Gras, das vom Wind gepeitscht Halbkreise in den Sand malt wie auf Nordsee-Dünen. Brackige Teiche mit alten Reifen wie auf einer Abraumhalde im Lande Surreal. Und in dieser bizarren Szene ab und an ein Motorradfahrer - wie ein Jedi-Ritter auf Abwegen.

"Das ist Helmstedt", sagt Michael Ewen und lächelt etwas schief. "Ein ganz normaler Steinbruch. Da fahre ich oft hin. Das fasziniert mich. Mitten in der alltäglichen eine andere Welt zu entdecken, aus Licht. Landschaft, Spuren. Und die allmähliche Verwandlung solcher von Menschen geformten Kunstlandschaften mit meiner Kamera zu beobachten. In dem Steinbruch habe ich schon mehr als 1500 Bilder gemacht. Bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Meine Frau ulkt immer. "Na, fährst du wieder raus in deine Sandwüste?"

Michael Ewen, geboren 1947 im Eifel-Ort Sülm, ist im Hauptberuf Kunsterzieher an der Braunschweiger Gaußschule. Zudem Maler mit zahlreichen Ausstellungen. Und Fotograf. Zwar nagen manchmal Zweifel an ihm, ob man denn der unendlichen "Massenflut" an fotografischen Bildern auch noch "den eigenen Mist dazugeben" müsse. Zwar ist ihm die Malerei mit ihrem Unikat-Charakter letzlich doch noch ein bißchen wichtiger. Dennoch übt der fotografische Blick eine immense Spannung auf ihn aus. "Das ist wie ein momentaner Schock: Da ist was! Das sehen verdichtet sich, wird verfremdet zur eigenen Schöpfung. Ich bin emotional mehr gerührt von den Dingen beim Fotografieren. Beim Malen ist der Prozeß quälender: Störe ich die gefundene Form, wird's besser durch das Bearbeiten? Das ist viel mehr ein innerer Prozeß, eine Selektion. Da ist der Kampf ums einzelne Ergebnis viel schwieriger als bei der Fotografie. Da denke ich eher in Serien."

Außer der Steinbruch-Dauerserie ist ein weiterer fotografischer Schwerpunkt Ewens, sich selbst bei der künstlerischen Arbeit zuzusehen. In beiden Fällen faszinieren ihn die "Spuren der Veränderung durch Arbeit, die Veränderung des Raums, die Wandlung im Detail. Dinge im Atelier, die ich im intensiven Malprozeß gar nicht wahrnehme, die dann plötzlich ins Auge fallen". Nicht inszeniert. Reduziert auf den Moment des Beobachtens, auf eine augenblickliche ästhetische Fesselung, eine verblüffende Struktur, eine Fremdheit.

Begonnen hat der Bauernsohn und Absolvent eines katholischen Internats die Fotografie während seines Studiums an der Trierer Werkkunstschule. Mit Kommilitonen reiste er über die Eifeldörfer - "von Fototheorie hatten wir überhaupt keine Ahnung" - und hielt ländliche Situationen fest, "die uns eigentlich bekannt waren", schufen Sozialreportagen über Außenseiten, engagierten sich für Ausstellungen.

Später habe der Malpinsel die Kamera zunehmend verdrängt. Heute führen beide, so scheint es, einen fruchtbaren Konkurrenzkampf im kreativen Leben des Michael Ewen.

Martin Jasper